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Gesundheitsreform: Wie Hilfsmittelversorger die Vergütungskürzung ausgleichen können

Ab 2027 kürzt der Gesetzgeber die Vergütung für Hilfsmittelversorgungen pauschal um drei Prozent. Wie lässt sich die fehlende Marge durch die Vergütungskürzung zurückholen?

Was ändert sich 2027 für Hilfsmittelversorger?

Der Name klingt sperrig: GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Man kennt es trotzdem aus der Tagesschau, Stichwort Gesundheitsreform. Ziel: Die wachsende Finanzierungslücke der gesetzlichen Krankenversicherung zu schließen, die für 2027 auf rund 15 bis 20 Milliarden Euro geschätzt wird. Ein Baustein davon betrifft direkt die Hilfsmittelbranche: Für sie sinkt die Vergütung ab dem 1. Januar 2027 pauschal um drei Prozent.

Warum wirken drei Prozent Abschlag deutlich stärker als drei Prozent?

Das klingt zunächst nach einer Randnotiz. Für große Anbieter im Hilfsmittelmarkt, z. B. für Diabetes-, Hörgeräte- oder Sauerstoffversorgung, ist es das nicht. Wie stark der Abschlag am Ende wirkt, hängt von der eigenen Kostenstruktur ab – und trifft dort besonders hart, wo die Marge ohnehin schmal ist: Bei einem angenommenen Erlös von 100 Euro und Kosten von 90 Euro je Versorgung sinkt die Marge durch die 3-prozentige Vergütungskürzung von 10 auf 7 Euro – ein Rückgang um 30 Prozent, obwohl die Vergütung selbst nur um 3 Prozent fällt. Die Vergütungskürzung hat somit erhebliche Auswirkungen.

Wo liegt der größte Hebel zum Ausgleich?

Die naheliegende Antwort vieler Unternehmen ist Kostendisziplin. Der größte Hebel liegt jedoch oft an einer Stelle, die im Tagesgeschäft kaum hinterfragt wird: dem gesamten Abwicklungsprozess selbst – also allem, was zwischen dem Eingang einer ärztlichen Verordnung und dem tatsächlichen Zahlungseingang der Krankenkasse passiert. Diesen Prozess zu digitalisieren, kann besagte 3 % nicht nur ausgleichen, sondern je nach Ausgangslage im Ergebnis sogar zu einer höheren Marge als bisher führen.

Der Drei-Prozent-Abschlag lässt sich politisch nicht wegdiskutieren. Aber die meisten Unternehmen kennen ihre tatsächlichen Prozesskosten in der Abrechnung gar nicht genau genug, um zu wissen, wie viel davon sie selbst wieder hereinholen könnten. Genau da setzen wir an.

– Claus Munsch, Generalbevollmächtigter HMM Deutschland

Wie sieht ein durchgängig digitaler Abrechnungsprozess aus?

Wenn von Digitalisierung im Abrechnungsprozess die Rede ist, denken viele zunächst an ein einzelnes IT-Tool. Tatsächlich handelt es sich um eine durchgängige Kette von Verarbeitungsschritten, die – richtig aufgesetzt – weitgehend ohne manuelles Zutun läuft:

Erfassung der Verordnung

Papierverordnungen werden digitalisiert, elektronisch erfasste Verordnungen direkt übernommen und automatisiert auf Vollständigkeit geprüft – fehlt etwa eine Arztunterschrift oder die Betriebsstättennummer, wird das sofort erkannt, statt erst bei der Krankenkasse aufzufallen.

Prüfung und elektronischer Kostenvoranschlag

Das System gleicht die Verordnung mit den Vertragsdaten der jeweiligen Krankenkasse ab, ergänzt dementsprechende Versorgungsdaten und Produkte und erstellt daraus automatisch einen elektronischen Kostenvoranschlag – inklusive Zuzahlungs- und Eigenanteilsberechnung.

Genehmigung durch die Krankenkasse

Der Kostenvoranschlag geht elektronisch an die Krankenkasse; die Entscheidung – Genehmigung, Teilgenehmigung oder Ablehnung – wird bei vertragskonformer Einreichung oft auch von dort automatisiert zurückgespielt und direkt im System des Versorgers verbucht, Auftragsdaten werden generiert und die Auslieferung veranlasst.

Abrechnung nach § 302 SGB V

Nach erfolgter Lieferung wird der Liefernachweis verarbeitet und das System erzeugt den Abrechnungsdatensatz gemäß § 302 SGB V, inklusive automatischer Qualitätsprüfung, u. a. ob gelieferte und genehmigte Produkte übereinstimmen – eine der häufigsten Ursachen für spätere Absetzungen.

Zahlungsabgleich und Mahnwesen

Eingehende Zahlungen werden automatisch geprüft und verbucht, offene oder überfällige Posten laufen in einen strukturierten Mahnprozess statt in Excel-Listen einzelner Sachbearbeiter.

Was bringt die Durchgängigkeit in der Praxis?

Für Unternehmen, die täglich hunderte bis tausende Verordnungen verarbeiten, macht genau diese Durchgängigkeit den Unterschied. HMM Deutschland, ein auf Gesundheits-IT und Prozessdienstleistungen spezialisiertes Unternehmen aus Moers, betreibt eine solche Lösung unter dem Namen rcm.machine unter anderem seit 2016 für einen weltweit tätigen Medizinproduktehersteller: Dort werden inzwischen über 600.000 Verordnungen und rund 2,4 Millionen Rechnungs- und Lieferdatensätze pro Jahr automatisiert verarbeitet – bei nachweislich niedrigen Durchlaufzeiten, Ablehnungs- und Absetzungsquoten.

Wie schnell rechnet sich die Umstellung?

Der entscheidende Punkt für Entscheiderinnen und Entscheider: Es geht nicht um Digitalisierung als Selbstzweck oder eine mehrjährige Transformation. „Die wirtschaftlich wirksamsten Verbesserungen – etwa die automatisierte Vollständigkeitsprüfung von Verordnungen oder ein sauberer Abgleich zwischen gelieferten und genehmigten Produkten vor der Rechnungsstellung – lassen sich häufig innerhalb von drei bis sechs Monaten umsetzen und refinanzieren sich meist noch im selben Jahr“, sagt der HMM-Generalbevollmächtigte Claus Munsch.

Drei Prozent weniger Vergütung lassen sich ab 2027 nicht verhandeln – wie stark das am Ende die eigene Marge trifft und wie viel davon ein Unternehmen über seinen Abrechnungsprozess zurückholt, dagegen schon.

Was bedeutet das für Patientinnen und Patienten?

Effizienzgewinne sind nicht nur eine Frage der Bilanz. Sie wirken sich unmittelbar auf die Menschen aus, die auf ihr Hilfsmittel angewiesen sind. Wer heute online ein Paket bestellt, erwartet Sendungsverfolgung, Zustellung binnen ein bis zwei Tagen und eine Bestätigung, sobald etwas ankommt. Genau diese Erwartungshaltung – gern als „Amazon-Effekt“ beschrieben – übertragen Versicherte zunehmend auch auf ihre Hilfsmittelversorgung: Wer nach der Diagnose einer schweren COPD auf einen Sauerstoffkonzentrator wartet oder nach der Diagnose Diabetes ein Messsystem benötigt, empfindet jeden Tag Verzögerung als Belastung – unabhängig davon, ob die Ursache eine fehlende Unterschrift auf dem Rezept oder eine überlastete Sachbearbeitung ist.

Ein durchgängig digitaler Prozess verkürzt genau diese Wartezeit: Fehlende Angaben werden sofort erkannt, statt erst nach tagelangem Postrücklauf beim Arzt aufzufallen. Rezeptfreie Folgeversorgungen – etwa bei Verbrauchsmaterial für Diabetes oder bei Inkontinenzprodukten – laufen automatisiert weiter, ohne dass Patientinnen und Patienten selbst an eine neue Verordnung denken müssen oder eine Versorgungslücke entsteht.

Warum ist wirtschaftliche Stabilität auch Versorgungssicherheit?

Der zweite, weniger sichtbare Effekt betrifft die Versorgungssicherheit selbst. Wenn Krankenkassen wie im Zuge des neuen Gesetzes ihre Erstattungen kürzen und Leistungserbringer gleichzeitig mit hohen Absetzungsquoten und langen Zahlungszielen kämpfen, geraten irgendwann einzelne Verträge, Produktgruppen oder ganze Anbieter unter wirtschaftlichen Druck. Für Versicherte äußert sich das selten abstrakt, sondern sehr konkret: ein Leistungserbringer, der aus einem Vertrag aussteigt, eine Folgeversorgung, die sich verzögert, eine Hotline, die wegen Personalabbaus schlechter erreichbar ist. Ein Unternehmen, das den Margendruck aus der Vergütungskürzung über einen effizienteren Abrechnungsprozess auffängt, statt ihn an anderer Stelle einzusparen, gibt diesen Druck tendenziell seltener an die Versorgung selbst weiter. Wirtschaftliche Resilienz auf Anbieterseite ist damit, auch wenn es zunächst nicht danach aussieht, ein Stück Versorgungssicherheit für die Patientinnen und Patienten.

Dieser Artikel ist am August 2026 in der Beilage zum Handelsblatt „Smart Future of Healthcare“ erschienen.

Claus Munsch Claus Munsch Generalbevollmächtigter
Claus Munsch ist Generalbevollmächtigter der HMM Deutschland GmbH und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Digitalisierung und Automatisierung von Prozessen im Gesundheitswesen. Sein Schwerpunkt liegt auf der sektorübergreifenden Vernetzung …
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